Pressekonferenz der AWA (Austrian Wound Association)
Österreichische Gesellschaft für Wundbehandlung,www.a-w-a.at
„Zuckersüße Füße!“
Mittwoch, 28. März 2012, 09:30h — 10:30h „Billrothhaus“
1090 Wien, Frankgasse 8

Themen & SprecherInnen:
„Österreich—Mittelpunkt der Wundwelt“ - Prim. Univ-Prof. Dr. Franz Trautinger, St. Pölten
„Prekäre Versorgungssituation!“ - OA Dr. Gerd Köhler, Graz
„Versorgung—Klare Forderungen!“ - Univ-Prof. Dr. Gerald Zöch, Wien
„Die Sicht der Betroffenen“ - Peter. P. Hopfinger, Diabetes Austria
Am Ende der Veranstaltung überreichte Prim. Univ-Prof. Dr. Franz Trautinger der Doyenne des Österreichischen Gesundheitsjournalismus - Claudia Richter/Die Presse - den diesjährigen AWA-Pressepreis.
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SERVICE
SprecherInnen-Porträts & Illustrationsfotos: service@intmedcom.com
Link/Präsentation Köhler
Link/Präsentation Zöch
Vielen Dank für Ihr Interesse!
“Österreich – Mittelpunkt der Wundwelt!”
Wien beherbergt heuer im Mai den Kongress der „European Wound Management Association“ (www.ewma.org). Diese Großveranstaltung – es werden 3.000 TeilnehmerInnen aus den Bereichen Medizin & Pflege erwartet, die sich mit dem Thema „Chronische Wunden“ beschäftigen - möchte nicht nur Aufmerksamkeit erregen, sondern in Österreich Akzente setzen und „Spuren“ hinterlassen. Im Sinne der EWMA bedeutet dies, dass die interdisziplinäre Kooperation zwischen den ärztlichen Disziplinen, aber auch zwischen Medizin und Pflege zum Nutzen der PatientInnen stärker forciert werden soll. Ein Anliegen, für das sich auch die AWA seit Jahren aktiv einsetzt. In diesem Sinne sind die Kongress-Elemente „AWA-Tag“, Symposium für vaskuläre Pflege und der „Österreichische Diabetes-Fuß-Tag“ zu sehen.
Über die Veranstaltung dieses großen Kongresses hinaus geht es der AWA vor allem um eine deutliche Verbesserung des Wissens der AllgemeinmedizinerInnen in der niedergelassenen Praxis zu diesen Themen. Seit letztem Jahr gibt es in einer Kooperation zwischen AWA und Österreichischen Akademie der Ärzte ein neu geschaffenes Zertifikat der Österreichischen Ärztekammer für „Ärztliche Wundbehandlung“, dessen Qualitätskontrolle in meiner Verantwortung liegt.
Um anlässlich dieses internationalen Großereignisses nicht nur eitel Wonne und Jubelstimmung zu verbreiten, sei angemerkt, dass die Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege in Österreich noch einiges Verbesserungspotential hat. Besonders wünschenswert wäre die Einrichtung von „interdisziplinären Ambulanzen“, deren Aufgabe es sein sollte, an einer Anlaufstelle kompetente Analysen und Therapiekonzepte zu erstellen, um den Betroffenen dann eine gezielte Weiterbehandlung bei HausärztInnen, Fachärzten oder entsprechenden Fachabteilungen zu ermöglichen. Ein entsprechendes Projekt in Wien wurde leider wieder eingestellt.
Das hat medizinisch einen sehr realen Hintergrund. Wir müssen weg von der „Magie der Wundauflage“. Wenngleich die enormen Fortschritte seitens der Produktentwicklung zahlreiche bessere Materialien und Systeme gebracht haben, so ist die dadurch bedingte Fokussierung auf die Art des Verbandmaterials und seine lokale Wirkung sicher nicht ausreichend. Was für eine erfolgreiche Wundbehandlung immer in den Vordergrund zu stellen ist, ist die Grunderkrankung, wie etwa Diabetes, eine PAVK (periphere arterielle Verschlusskrankheit), ein Venenleiden, eine Immunschwäche, Ernährungsdefizite und nicht selten auch Tumore. Wird die Grunderkrankung nicht erkannt und therapiert, gibt es auch keine erfolgreiche Wundbehandlung.
In diesem Sinne möchte ich als AWA-Präsident einen Wunsch an die Zukunft der Wundversorgung formulieren. Wir benötigen – ähnlich wie bei der Entwicklung von Arzneimitteln – gemeinsame Bestrebungen von Herstellern, akademischen Institutionen, Anwendern und nicht zuletzt auch des Gesetzgebers (Verbandstoffe sind im Medizinproduktegesetz geregelt), um die Wirkungsweise und Wirksamkeit von Produkten zur Wundbehandlung durch zeitgemäße wissenschaftliche Forschung zu belegen. Wir sollten uns nicht mehr auf Einzelfallberichte und unkontrollierte Studien stützen müssen, sondern gemeinsam Studien mit sinnvollen klinischen Endpunkten, wie zum Beispiel Wundverschluss, Lebensqualität, Verminderung von Amputationen und Schmerzen fordern, fördern und durchführen.
Die AWA hat in den letzten Jahren schon viel erreicht – Stichwort „Amputationsregister“ und pflegerische und ärztliche Weiterbildung. All dies führt allerdings nur zum Ziel, wenn alle beteiligten Instanzen – von der Politik über die Sozialversicherungen bis hin zu den Kammern und letztlich alle mit dem Thema befassten ÄrztInnen - energisch und konsequent an einem Strang ziehen.
Prim. Univ-Prof. Dr. Franz Trautinger
AWA-Präsident 2011-2012 Leiter. d. Abtlg f. Haut- und Geschlechtskrankheiten, LK St. Pölten, Karl Landsteiner Institut für Dermatologische Forschung
3100 St. Pölten, Propst-Führer-Str. 4
Fon: +43(0)2742/300-11906, E-Mail: franz.trautinger@stpoelten.lknoe.at
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“Die prekäre Versorgungssituation“
Der diabetische Fuß hat keine Lobby! Die Aspekte und Ursachen der mangelnden Versorgungslage sind vielfältig. Die Behandlung des diabetischen Fuß-Syndroms (DFS) erfolgt mehr oder weniger im Verborgenen. Das lässt sich schon daran erkennen, dass ein bundesweites Netz von Spezialambulanzen fehlt. Eine Ausnahme bildet die Steiermark mit ihren fünf diabetischen Fuß-Ambulanzen. Ebenfalls „symptomatisch“ ist die Tatsache, dass etwa seitens der ÖDG (Österreichische Diabetes Gesellschaft) das DFS in den Leitlinien nur kurz erwähnt wird. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft verfügt im Gegensatz dazu über eine eigene Leitlinie und Arbeitgruppe Diabetischer Fuß. Von Seiten der Sozialversicherer werden zeitintensive Wundbehandlungen durch niedergelassene ÄrztInnen nicht entsprechend honoriert. Damit ist diese Indikation automatisch im Spitalsbereich angesiedelt. Im Vergleich dazu gibt es in Deutschland gezieltes Disease-Management mit spezialisierten Diabetesschwerpunktpraxen, die sich unter anderem speziell mit der Wundthematik beschäftigen.
Unsere diabetische Fußambulanz hat sich seit 1996 konstant wachsend entwickelt. Sie ist Teil der Diabetesambulanz und umfasst zusätzlich zur Diabetesbehandlung auch die Versorgung des diabetischen Fußes. Sobald eine Wunde bei Diabetikern nicht mehr oberflächlich ist oder Heilungsprobleme zeigt, ist das ein Fall für eine interdisziplinäre Betreuung, die entsprechend koordiniert werden muss. Das Alter unserer PatientInnen beginnt bei 30, das Maximum liegt bei 80jährigen. Das Durchschnittsalter lag 2010 bei 66,5 Jahren.
Die Grundlage des DFS ist das Auftreten einer Polyneuropathie (PNP). 30% der Betroffenen leiden bereits bei der Erstdiagnose des Diabetes daran. Diese PNP führt – vereinfacht – zu einer Gefühllosigkeit der Füße, womit jegliche Schmerzreize in Bezug auf Verletzungen oder Druckstellen durch Schuhe ausfallen. Es erfolgt quasi eine Entkoppelung der Füße vom Kopf bzw. vom Gehirn. Damit kommt es letztlich insofern zu einer „absurden“ Situation als, dass man üblicherweise ärztliche Hilfe aufsucht, wenn man Schmerzen fühlt. Dieses Warnsignal fehlt bei der PNP meist, sodass Betroffene erst viel zu spät oder gar nicht zum Arzt gehen, beziehungsweise oberflächliche Wunden nicht ernst genommen werden. Das ist auch der Hintergrund für eine enorme Dunkelziffer an Fällen.
Die Tatsache, dass es sich um ein Krankheitsbild handelt, das keinerlei „Warnung“ aussendet, ist für die PatientInnen eine erhebliche psychologische Herausforderung. Sie sollen auf ihre Füße achten, obwohl sie ihnen im langläufigen Sinn keine „Beschwerden“ machen. Das ist einfach sehr schwer zu „denken“. Wird darauf „vergessen“, kommt es zu den typischen Verletzungen, die zu chronischen Wunden führen und letztlich in einer Amputation ihren Endpunkt finden können.
Das Optimum in der Prävention des DFS bei bestehender PNP wären eine professionelle Fußpflege, regelmäßige Kontrollen des Fußes durch Patient und Arzt sowie geeignetes Schuhwerk. Und hier beginnt das nächste Versorgungsdesaster. Es gäbe zwar geeignete Schuhe mit entsprechender Ausstattung (d.h. Weichbettungseinlagen), aber sie werden kassenseitig – zumindest in der Steiermark - nicht zur Gänze bezahlt. In der Akutversorgung eines Fußulkus ist die totale Ruhigstellung zum Beispiel mit einem Gips die Methode der Wahl. Eine gleichermaßen effiziente wie zeitaufwendige Methode. Weiters stehen industriell gefertigte Entlastungsschuhe als Alternative zur Verfügung, wobei auch hier nur der Vorfußentlastungschuh von der Sozialversicherung refundiert wird und dieser leider gerade für ältere Patienten durch die PNP bedingte Gangunsicherheit völlig ungeeignet ist.
Zusammengefasst lässt sich sagen: das Thema diabetischer Fuß wird in Österreich – selbst vor dem Hintergrund steigender Diabetikerzahlen – konsequent ignoriert. Wir liegen hinter anderen europäischen Ländern weit zurück. Auch die längst ausgewiesenen Mehrkosten einer verzögerten Behandlung interessieren die Instanzen nicht. Ideal wären interdisziplinäre Ambulanzen. Ohne konzertiertes Vorgehen ist hier keine relevante Verbesserung zu erwarten.
OA Dr. Gerd Köhler
Universitätsklinik für Innere Medizin, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, 8036 Graz Auenbruggerplatz 15
Fon: +43(0) 316/385-12383 ; E-Mail: gerd.koehler@klinikum-graz.at
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“Klare Forderungen zur Versorgung!“
Alle 30 Sekunden verliert weltweit ein/e DiabetikerIn ein Bein. Das weiß man seit 2005! Die Betroffenen werden immer jünger. Von den 300.000 DiabetikerInnen in Österreich erleiden mindestens 25% einmal eine diabetische Fußkomplikation. 75% der AmputationspatientInnen sind DiabetikerInnen. Jenseits des 70. Lebensjahres sind bis zu 77% dieser PatientInnen pflegebedürftig. Innerhalb von 4 Jahren folgt bei 50% der Betroffenen das zweite Bein. Die perioperative Sterblichkeit liegt bei bis zu 25% und nach 5 Jahren sind nur noch 27% der PatientInnen am Leben….
Doch: „Was man nicht weiß, macht nicht heiß“, sagt ein altes Sprichwort und so scheint es auch mit dem „Diabetischen Fuß“ in Österreich zu sein. Nicht nur, weil ihn die Mehrheit der Betroffenen versteckt, sondern auch, weil sich so gut wie alle Instanzen des Gesundheitssystems verschließen. Und zwar mit dem Ergebnis, dass im Zusammenhang mit dieser Diabetesfolge enorme Summen vergeudet werden. Die schlimmste Folge allerdings sind die stetig im Steigen begriffenen Amputationszahlen. Denn, wenn nicht rechtzeitig therapiert wird, ist das die unweigerliche Folge. Laut ÖSTAT hat alleine von 2002 bis 2006 die Zahl der Majoramputationen um 10% zugenommen. In Zahlen rund 2.600. Internationale Studien zeigen längst das enorme Einsparungspotential, das hier durch eine bessere Versorgung – mit speziellen interdisziplinären Fußzentren – Einiges an Reduktion möglich wäre.
| Land & Studienjahr | Abnahme d. Amputationen |
| England (1986) | -45% |
| Schweden (1990) | -66% |
| Deutschland (1991) | -60% |
| Niederlande (1994) | -43% |
| Schweden (1995) | -78% |
| Deutschland (1996) | -72% |
Ebenso drastisch sieht die in Österreich in allen Bereichen völlig ignorierte Kostenwahrheit aus. Kompetente Zahlen müssen wieder aus dem Ausland bemüht werden. Sie sagen, dass die Behandlungskosten ohne Amputation in den USA während 2 Jahren bei 28.000 US$ liegen, MIT Amputation bei bis zu 63.000 US$. Schweden beziffert die Kosten während drei Jahren ohne Amputation mit 15-25.000 €, MIT Amputation mit 60.000 € - 77% davon Folgekosten. Die Versorgung dieser PatientInnengruppe kostet bis zu 9% der Gesamtausgaben des Gesundheitssystems!
Vor diesem Hintergrund fordert die AWA folgende Sofortmaßnahmen:
- Erfassung des Ist-Zustandes (Amputationsregister), angesiedelt beim ÖBIG, Erfassung mit MEL-Codierung bei der Abrechnung durch die Krankenanstalten
- Neuropathie-Screening bei Risikogruppen – Prävention=Kostenersparnis (2006, M. Rauner)
- Errichtung flächendeckender interdisziplinärer Fußambulanzen in Spitälern mit Therapiefortführung durch die niedergelassene ÄrztInnenschaft
- Verpflichtende intensive Schuldung von ÄrztInnen und Pflegepersonal als Teil der Ausbildung - derzeit nur Donau-Universität-Krems und Ärzteakademie
Ohne ein solch energisches Maßnahmenpaket werden die Kosten in diesem Bereich durch immer jüngere DiabetikerInnen und die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung weiterhin stark anwachsen. Eine Problematik, der man sich nicht nur nicht verschließen kann, sondern auch nicht verschließen darf. Hier wird sich auch klar weisen, wer nur vor allem Eigeninteressen oder tatsächlich das Wohl der betroffenen PatientInnen im Sinn hat.
Univ-Prof. Dr. Gerald Zöch
FA f. Plast Chirurgie, AWA-Generalsekretär 1140 Wien Kienmayergasse 36/58
Fon: +43(0) 664 35 64 146 ; E-Mail: zoech.gerald@aon.at
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Die Sicht der Betroffenen
Geschätzte 22.500 Menschen in Österreich leiden am diabetischen Fußsyndrom, einer Komplikation von Diabetes mellitus. In weiterer Folge müssen jedes Jahr bei bis zu 2.400 PatientInnen Zehe, Fuß oder Bein amputiert werden. Das sind mehr als die Hälfte aller Amputationen in Österreich. Bei rund 40 Prozent der amputierten Patienten wurde vor dem Eingriff gar nicht erst abgeklärt, ob nicht weniger drastische Maßnahmen auch geholfen hätten. Der diabetische Fuß ist aus der Sicht von Patienten bei vielen Ärzten ein Tabuthema. Und das obwohl etwa jeder Vierte während oder unmittelbar nach einer Major-Amputation stirbt.
Durch Diabetes mellitus kommt es an den Füßen oft zur Neuropathie, einer Nervenschädigung. Die Neuropathie äußert sich u. a. durch Gefühllosigkeit, was dazu führt, dass kleine Verletzungen am Fuß nicht bemerkt werden. Wunden breiten sich aus, infizieren sich und sind – wenn sie letztendlich bemerkt werden – oft schwer zu behandeln. Die durch die Diabetes-Erkrankung verschlechterte Durchblutung beeinträchtigt die Wundheilung zusätzlich. In Österreich hat dies zur Folge, dass bei bis zu 8 von 1.000 diabetischen Patienten eine Beinamputation vorgenommen werden muss. Noch schlimmer: 20 bis 36 Prozent der Bedauernswerten mit Major-Amputation (Unter- oder Oberschenkelamputation) sterben während oder unmittelbar nach der Operation, die in vielen Fällen aber gar nicht erforderlich gewesen wäre.
„Insgesamt werden 40 bis 60 Prozent aller nicht traumatischen Amputationen der unteren Extremität bei Diabetikern durchgeführt“, berichtete Univ.-Prof. Dr. Monika Lechleitner vom LKH Zirl, „Gerade in höherem Lebensalter führt eine Amputation zu einer signifikanten Einschränkung der Mobilität und Selbständigkeit. Anders als junge Menschen, die ihre Mobilität meist mit Prothesen wiedererlangen, bleiben ältere entweder an den Rollstuhl oder das Bett gefesselt.“ Dabei wären viele Amputationen leicht zu vermeiden. „Besonders wichtig ist, die Füße täglich zu kontrollieren“, sagt Lechleitner. „Ist man zu wenig beweglich, nimmt man einfach einen Spiegel zu Hilfe.“ Im Sommer sollten Diabetiker auch bei Hitze nicht barfuß gehen und immer Socken tragen, um Druckstellen und Blasen zu vermeiden.
Besondere Vorsicht ist bei der Fußpflege angesagt: Schere und Nagelhautentferner hinterlassen schnell kleine Schnitte, die man gar nicht bemerkt. Um spröde Haut und Hautrisse zu vermeiden, sollte man beim Waschen rückfettende Mittel verwenden, die Füße immer gut abtrocknen und eincremen. Einige KosmetikerInnen sind mittlerweile speziell in Fußpflege bei Diabetikern ausgebildet.
Ignoranz als Hauptproblem
Internationalen Daten zufolge werden nur etwa 40 Prozent der Betroffenen vor einer Amputation einem Gefäßchirurgen vorgestellt, ein etwa gleich hoher Prozentsatz wird ohne engere Abklärung einfach amputiert, das heißt, es wird gar nicht erst geklärt, ob eine andere Behandlungsoption sinnvoll wäre. Warum aber schneiden Chirurgen immer wieder ohne medizinische Notwendigkeit kurzerhand Beine ab?
„Ein schlecht heilendes Geschwür ist noch lange kein Grund, ein Bein abzuschneiden. Eines der Hauptprobleme ist Ignoranz auf allen Seiten, das heißt seitens des Patienten, des Arztes, des Systems“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Gerald Zöch, Facharzt für plastische, ästhetische und wiederherstellende Chirurgie in Wien und Generalsekretär der österreichischen Gesellschaft für Wundbehandlung.
Füße viel zu oft vernachlässigt
Der Patient – der Großteil hat Diabetes, 70 Prozent der Amputationspatienten sind Zuckerkranke; aber auch Menschen mit peripherer Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung in den Beinen) oder mit einem Charcot-Fuß (Näheres im unten stehenden Artikel) gehören immer wieder zu Opfern unnötiger Amputationen – schaut zu wenig auf seine Füße, die er – aber auch der Arzt – regelmäßig kontrollieren sollte. „Oft beginnt mit einer an sich harmlosen Blase oder Schwiele am Großzehenballen, was dann mit Amputation endet“, weiß Zöch.
Patienten verstecken ihre Füße, genieren sich für übel riechende Wunden, leiden still. Meist ist das eine Angelegenheit von Monaten, aber es kann auch in wenigen Tagen passieren. Zöch: „Ein akuter Verlauf kann bei einer Blase vorkommen, wo die Haut noch eine Barriere bildet. Keime können also nicht mit Eiter durch ein Hautloch abfließen, sondern wachsen unter Luftabschluss. Die Infektion kann sich dann rasant ausbreiten und Gewebe innerhalb von Stunden zerstören.“ Auch viele Hausärzte schauen viel zu wenig auf die Füße ihrer Diabetespatienten. „Würden Patienten und Hausärzte mehr auf erste Zeichen achten und entsprechende Präventionsmaßnahmen ergriffen, könnte ein Großteil der Amputationen erspart werden.“
Aber selbst im fortgeschrittenen Stadium eines offenen (diabetischen) Fußes gibt es oft noch andere Möglichkeiten als die des Verstümmelns. Allerdings, wissen Zöch und andere Experten, sei der diabetische Fuß auch bei vielen Ärzten ein Tabuthema. „Aids ist inzwischen salonfähig geworden, aber der diabetische Fuß wird nach wie vor ins Eck gestellt. Viele Kollegen ekeln sich und greifen so einen Fuß nicht an.“ Offiziell heißt es dann oft, zu viel Arbeit, kein Bett frei, zu wenig Geld.
Dabei – so etliche Untersuchungen – kostet ein amputierter Patient das Gesundheitswesen wesentlich mehr als eine Behandlung zur Erhaltung der Gliedmaßen. „50 bis 70 Millionen Euro könnte man sich jährlich in Österreich durch eine Senkung der Amputationszahlen ersparen.“ Traurige Tatsache aber ist: Die Zahl der Major-Amputationen hat hierzulande von 2002 bis 2006 um knapp elf Prozent auf 2562 jährliche Eingriffe zugenommen (neuere Zahlen gibt es derzeit dazu nicht).
Ein Grund für diese Zunahme ist sicher die höhere Lebenserwartung und damit die gestiegene Zahl der Diabetiker. Umso bedauerlicher sei es, so Zöch, dass in Österreich, im Gegensatz zu anderen EU-Ländern, spezielle Wund- und Fußambulanzen nur an einigen wenigen Abteilungen angesiedelt seien. „Auch die gefäßmedizinische Versorgung ist hierzulande nur auf einige Zentren beschränkt.“
„Zu mir kommen immer wieder Patienten, die in anderen Krankenhäusern schon auf der Amputationsliste standen, deren Beine wir aber retten konnten“, schildert Doz. Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Abteilung für Gefäßchirurgie am Wiener Wilhelminenspital. Denn man könne infolge neuer Techniken, fortgeschrittener Bildgebung, innovativer technischer Hilfsmittel und kombinierter Eingriffe gefäßchirurgisch vieles machen, von dem Patienten, ja auch viele Ärzte, gar nichts wüssten. Auch bei der schwersten Form der peripheren Verschlusskrankheit, wo schon Gewebsuntergang besteht, könne man Beine noch retten und Amputationen verhindern. Gerade gefährdete Patienten müssten von Gefäß- und Wundspezialisten begutachtet werden, „das passiert aber nicht“. Und wieder wird unnötigerweise ein Bein abgesägt.
Die Wiener Mediziner Dr. Elisabeth Krippl, Leiterin der Diabetes-Ambulanz im Sanatorium Hera und ihr Kollege Dr. Günter Sokol gelten als Retter verlorener Füße: Menschen, die schon verzweifelt sind und oft ganz kurz vor einer Amputation stehen, finden den Weg zu ihnen. Beide sind ausgebildete Diabetologen und zur zertifizierte Wundmanager und manchmal holen sie Patienten buchstäblich in letzter Minute vom OP-Tisch herunter.
Übrigens: zertifizierte Wundmanager gibt es für ganz Österreich nur ein knappes Dutzend!
Autor: Peter P. Hopfinger
Herausgeber & Chefredakteur www.diabetes-austria.com
Insulinpflichtiger Diabetiker seit 1995 ohne Folgeerkrankungen
Link zu druckfertigen Fotos von P.P. Hopfinger
Portrait 1 by Veronika Kub - beigestellt
