„Jede/r ist weltweit ein/e Fremde/r“
PRESSEKONFRERENZ ZUM
"2. KONGRESS f. TRANSKULTURELLE PSYCHIATRIE"
www.transkulturellepsychiatrie.de
Freitag, 26.9.2008, 13.00h
AKH-Wien, 1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20
„Was ist Transkulturelle Psychiatrie?“
Dr. Solmaz Golsabahi, Kongressleitung, Hamm (DE)
„Kommunikation abseits der Sprache“
Dipl. Psychologin Eva v. Keuk, Düsseldorf (DE)
"Entwurzelung und Kindheit"
Univ. Prof. Dr. Max Friedrich, Wien (AT)
„Klinische Arbeit angesichts der Globalisierung“
Univ. Prof. Dr. Thomas Stompe, Wien (AT)
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Transkulturelle Psychiatrie (TKP)
Genau genommen ist die TKP keine „Neu“-Erfindung, sondern hatte ihre ersten Wurzeln in der Zeit des Kolonialismus zu beginn des 19. Jhdts. Das ärztliche Interesse galt der Beobachtung, dass Krankheiten kulturabhängig andere Bilder zeigten. Mit dem 1. WK gerieten diese Ansätze in Vergessenheit bis in den USA der 60er-Jahre der Terminus des „Cultural Bound Syndroms“ geprägt wurde, der sich allerdings – mehr oder weniger rassistisch - auf die Afroamerikaner konzentrierte. Das war die Geburtsstunde der „Ethnopsychiatrie“. Erst in den 90er-Jahren kam es zu einer Objektivierung, indem folgende Fragen beforscht wurden: Was sind die Unterschiede einzelner Erkrankungsbilder vor unterschiedlichem kulturellem Hintergrund? Wie stark ist der Einfluss der Migration? Wie wirkt sich kulturelle Vermischung aus? Wie lassen sich kulturelle und sprachliche Barrieren überwinden?
Anders als in den Angelsächsischen Ländern, den NL oder Frankreich entwickelte sich der Deutsche Sprachraum anders. Während in den erstgenannten Kulturen der Ansatz „Foreigners for Foreigners“ vorherrschte, erkannte man hier die „kulturelle Emanzipation“ als ein ärztliches Handwerkszeug. Die Ethnizität von PatientInenn und TherapeutInnen ist entkoppelt, somit eine neue Offenheit für eine Perspektive aus der „kulturellen Vogelschau“ geschaffen, die eine differenzierte Betrachtung der Kulturspezifika erlaubt.
Hier ein Beispiel: bei Depression zeigen alle Betroffenen kulturunabhängig Schlafstörungen und Antriebsarmut. Im Abendland gesellen sich dazu aber Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, im Nahen Osten eine starke Somatisierung und in Asien(Japan) ein Gefühl der Entehrung. Kennt man etwa das persische Sprichwort vom Körper als dem Haus der Seele, dann versteht man ganz leicht den Zusammenhang zwischen Schmerzen im Bereich von Haut, Bauch oder Herz und der zugrunde liegenden Depression.
„Übersetzung“ ist hier allerdings kein taugliches Mittel. Natürlich liegt bei allen Betroffenen biologisch ein Serotoninmangel vor. In der flankierenden Psychotherapie allerdings muss verstanden werden, dass der Ich-Begriff des Einzelnen in Bezug auf das kollektive Ich, also die Familie oder Sippe kulturspezifisch zu erfassen ist. Das geht bis in den einfachen Ja-Nein-Begriff, wenn man weiß, dass in Japan ein „schwaches Ja“ eigentlich „Nein“ bedeutet, während ein explizites „Nein“ eine Entehrung darstellt. Auch im Arabischen Kulturkreis stellt ein „Nein“ ein Extrem dar, das dem Ausstieg aus dem Kollektiv gleich kommt.
Bedeutsam ist im Zusammenhang mit der Migration weiters durch welche Kaskaden von Traumata betroffene bereits gegangen sind, was im Krankheitsbild vielleicht Simulation sein könnte, was kulturspezifisch ist.
In der Folge geht es um die Entwicklung der Menschen im neuen Kulturumfeld. Sind Elternteile gleich welcher Ethnizität meist noch in ihr traditionell kulturelles Gefüge eingebettet, gilt das für deren Kinder nicht mehr. Besonders stark gilt das für kulturelle Mischehen. Ist das Kind einer persisch-islamischen Mutter und eines europäisch-christlichen Vaters nun mehr der einen oder der anderen Seite zugehörig? Kinder aus solchen Mischehen stehen vor dem extremen Problem einer kompletten persönlichen kulturellen Neudefinition.
Wenngleich die TKP um Moment für viele noch auf die „Gutachten-Problematik“ beschränkt scheint, so zeigt sich insbesondere in den urbanen Zonen hoher ethnischer Durchmischung bereits deutlich der Bedarf nach differenziertem Umgang mit Kranken. Ein Bedarf, der letztlich eine „medizinische Folge“ der Globalisierung ist. Nicht nur in der Psychiatrie, sondern der gesamten Medizin. Daher wäre es wünschenswert, wenn Grundkenntnisse einer „Transkulturellen MEDIZIN“ als Verpflichtung in die medizinische Ausbildung aufgenommen würden.
Dr. Solmaz Golsabahi, Kongress-Präsidentin,
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, St. Marien-Hospital, Hamm
Tel. +49 – (0)2381 - 18 35 44 & +49 – (0)2381 - 18 25 26
E-Mail: solmaz.golsabahi@marienhospital-hamm.de
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Kommunikation abseits der Sprache
Migration ist wie ein Sprung in eine neue, unbekannte Gesellschaftsordnung – ganz besonders dann, wenn es sich um unfreiwillige Migration handelt. Das Phänomen Sprache kann heute bereits mittels PET (Positronen Emissions Tomografie, Brain Mapping) naturwissenschaftlich sichtbar gemacht werden – wenn ein zweisprachiger Mensch sich auf einer Sprache über seinen Kopfschmerz austauscht, werden hierbei andere Areale aktiviert, als in der zweiten Sprache. Tatsächlich „stimulieren“ unterschiedliche Sprachen auch unterschiedliche Areal der Großhirnrinde (Cortex). Sprache ist somit nicht Sprache, und Emotionen „fühlen“ sich unterschiedlichen Sprachen auch unterschiedlich an.
Trotz dieser feinen und wesentlichen sprachlichen Unterschiede finden sich in jedem Land eine Vielfalt an Sprachen – die Forderung, sich in der Muttersprache grundsätzlich behandeln zu lassen, ist auf diesem Hintergrund nachvollziehbar und richtig. Allerdings sind nur wenige Sprachen ausreichend repräsentiert – wo würde ich einen tschetschenischen Psychiater oder eine tamilische Psychotherapeutin finden? Viele Migranten des afrikanischen Kontinentes bringen bereits viele Sprachen mit, zu denen häufig auch Englisch oder Französisch gehören. In der Kommunikation der transkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie ist daher grundsätzlich die Fähigkeit zur Improvisation wichtig, wenn eine angestammt Kultur “verlassen“ werden muss. Das gilt für KlientInnen ebenso wie für TherapeutInnen. Sich von den Unterschieden nicht erschrecken zu lassen und den Mut zu haben, flexibel zu reagieren – eine Herausforderung an die KlinikerInnen im transkulturellen Arbeitsfeld.
Kommunikation abseits der Sprache: Wir vergessen häufig, daß ein Großteil der Kommunikation nicht verbal, sondern paraverbal (Stimmqualität, Sprachtempo, Rhythmus der Sprache) und nonverbal (Körperhaltung, Mimik, Gestik) abläuft. Diese Grundlage jeder Kommunikation kann aktiv genutzt werden zu einer professionellen Beziehungsgestaltung: Auch im Dolmetschersetting halte ich den nonverbalen Kontakt mit der Klientin. Mein Stimmfluß ist angepasst an mein Gegenüber, die Klientin, und ebenso die Sprachauswahl – auch wenn erst die Dolmetscherin den Inhalt transportiert. Gerade da verbaler Inhalt und non – bzw. paraverbale Botschaften zeitlich getrennt transportiert werden, werden zweitere umso bedeutsamer. Genau an dieser Stelle kann es zu irritierenden Fehlinterpretationen kommen: Der tamilische Klient schüttelt den Kopf – und meint „Ja“. Der arabische junge Mann senkt immer den Blick – aber nicht, um etwas zu verbergen, sondern als Respektsbezeugung. Auch, wenn es beim Therapeuten zu Irritationen kommt, muss das „ertragen“ und kann erst nachher aufgearbeitet werden. Transkulturelle Kompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, sich flexibel auf den Gegenüber einzustellen und auch selbst vertraute Bahnen zu verlassen, wenn ich beispielsweise in einer Fremdsprache spreche. Sondern sie bedeutet vor allem auch, eigene Irriationen wahr zu nehmen und sie zu einem späteren Zeitpunkt zu klären. Im transkulturellen Setting, ob mit oder ohne DolmetscherIn, ergeben sich immer wieder Situationen, die der Kliniker zunächst nicht durchschaut – und diese Unsicherheit als immanentes Element erfordert Toleranz („Ambiguitätstoleranz“) und eine genaue Reflexion im Anschluß.
Das Dreieck KlientIn-TherapeutIn-DolmetscherIn - eine anspruchsvolle Konstruktion, die unter bestimmten Voraussetzungen echte Vorteile bieten kann. Bei ausgebildeten und persönlich geeigneten Sprach – und Kulturmittlern kann mir der Dolmetscher beispielsweise im Anschluß berichten, daß „Haare ausreißen“ nicht etwa selbst verletzendes Verhalten, sondern übliches Trauerritual in traditionellen Dorfgemeinschaften darstellt. Er vermittelt nicht nur die verbalen Inhalte, die Sprache, sondern auch das kulturelle Wissen seiner Heimat. Die Auswahl des geeigneten Dolmetschers ist die Grundlage für eine gelungene Therapie. Bei einem männlichen Therapeuten und einer Klientin ist es wichtig, daß die Dolmetscherin eine Frau ist. Bei KlientInnen aus Kriegsregionen ist ein gewisses Verständnis für den jeweiligen Krieg Voraussetzung für therapeutischen Erfolg. Hier kann von Bedeutung sein, zu welcher „Seite“ der Dolmetscher in einem solchen Konflikt „gehört“ hat. Angehörige von ehemaligen oder akuten Kriegsparteien, können bzw. wollen in der Regel keine tragfähige Kommunikation aufbauen.
Wie könnte eine irakische Dolmetscherin, die unter Saddam Hussein gelitten hat und das Land verließ, gute Übersetzung in der Psychotherapie leisten, wenn der Klient unter Saddam im höheren Beamtentum war und heute Probleme in seinem Land bekam? Sprache ist nicht gleich Verstehen – es gehört mehr dazu, und die soziopolitischen Realitäten im Herkunftsland sind ein wesentlicher Punkt zu diesem Verständnis.
Es ist allerdings keinesfalls erforderlich, erst Experte aller Länder dieser Welt zu werden – es wäre ein unmögliches Unterfangen. Wesentlich ist eine persönliche soziokulturelle Kompetenz – wesentlich wichtiger als das akademische Wissen. Allzu schnell kämen wir in Versuchung, innere Schubladen zu bilden, indem wir etwas als „typisch türkisch“ oder „typisch serbisch“ etc. bezeichnen – und schon tappen wir in die allgegenwärtige „Kulturalisierungsfalle“, die uns den Weg zu einer konstruktiven Lösung versperrt. Verlässlicher ist die individuelle und professionelle Beziehungsgestaltung auf allen kommunikativen Ebenen (verbal, para – und nonverbal), verbunden mit einer echten Empathie für diesen einen Klienten. Insofern reicht es aus, sich bei einem neuen Herkunftsland rasch zu informieren, ob dort Krieg geherrscht hat und dann besonders sorgfältig bei der Dolmetscherauswahl vorzugehen. Nur so gelingt es, persönliche Eigenheiten eines Patienten von seinem kulturellen Rahmen abzugrenzen. Somit ist das rein sprachliche Totalverständnis nicht notwendige Voraussetzung einer erfolgreichen Therapie – sondern menschliche Offenheit und die professionelle Gestaltung aller Ebenen der menschlichen Kommunikation. Gerade bei diesem Punkt der sozialen Basiskompetenzen bringen Heil- und Sozialberufe ein großes Potential mit, das die erfolgreiche Arbeit im transkulturellen Setting von einer scheinbar unüberwindbaren Hürde zu einer abwechslungsreichen Herausforderung schrumpfen lässt.
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Eva van Keuk
Dipl. Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Tanz- & Bewegungstherapeutin,
PSZ Düsseldorf, www.psz-duesseldorf.de, 40213 Düsseldorf, Benrather Str.7
Tel. +49 - (0)0211 - 35 33 15
Fax: +49 – (0)211 - 35 33 14
Mail:info@psz-duesseldorf.de
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Kindheit und Entwurzelung
An einen kulturell anderen Wohnort versetzt zu werden, bedeutet einen grundlegenden Wandel in vielen Details des täglichen Lebens. Vor der Fortbewegung über die Ernährung bis zur Hygiene. Man stelle sich vice versa Fortbewegung im afrikanischen Busch per pedes laufend und die hektische Verkehrshölle einer modernen Großstadt vor. Das Ergebnis? Zunächst Orientierungslosigkeit und Verunsicherung.
Dennoch mag die Verwurzelung im intellektuellen Sinn eine noch größere Herausforderung darstellen. Nichts funktioniert mehr, die Bedeutung von Gestik und Mimik mag zum Herkunftsland sogar gegenteilig sein. Ein nickender Chinese etwa setzt ein „Zeichen des Neins“. Am einfachsten hier vielleicht das Bild eines Menschen der ortssprachunkundig einen Plan von Moskau oder Peking in Händen hält. Er findet seinen Zielort nicht, weil er die Straßennamen nicht entziffern kann, obwohl er rein intellektuell natürlich in der Lage wäre, diese Aufgabe zu bewältigen. Eine zunächst schockhafte Erfahrung.
Der Bereich der Emotionalität lässt sich am besten dadurch charakterisieren, wenn wir der Begriff des „Heimwehs“ anführen. Wer flüchten muss, lässt etwas von seinen Gefühlen, seinen Emotionen zurück. Wir kennen hier den Terminus A-Lexi-Thymie – das nicht in den Gefühlen des anderen Lesen-Könnens. Das Vermitteln von Gefühlen ist im Menschsein eine unabdingbare Notwendigkeit, die aber in jeder Ethnie einer eigenen Ausdruckskonvention folgt.
Sozialisation meint vor allem das weite Feld der Sitten und Gebräuche, die zunächst nicht gekannt und verstanden werden. Wie etwa ist es, wenn man beispielsweise in Sri Lanka plötzlich mit den fingern essen muss. Würde man das akzeptieren können oder als „primitiv“ und lächerlich innerlich ablehnen?
Sobald der Begriff „Gender“ (engl. f. Geschlecht im Sinne von Mann-Frau) fällt, sind wir mit der „Kopftuchfrage“ konfrontiert, die vor dem Hintergrund einer möglichen vorsätzlichen Provokation oder aggressiven Zeichensprache betrachtet werden sollte. Grundsätzlich mag sich jeder „verkleiden wie er möchte“, solange damit für andere keine Provokation gesetzt wird. Örtliche Sitten sind unbedingt zu respektieren und müssen daher entsprechend ausgelotet werden.
Darüber hinaus bedeutet „Entwurzelung“ schon im engeren Wortsinn die Herausforderung, wieder Wurzeln schlagen zu müssen. Neue Sitten, neue Sprache, neuer Rhythmus, Neuorientierung, enormer Lernaufwand, enormer Einsatz in allen Bereichen des alltäglichen Lebens. Eine Situation, die die Betroffenen zweifellos und aus nahe liegenden Gründen manchmal überfordert. Das gilt im ebensolchem maß für das gegenüber, denn man kann jemandem den Weg in eine andere Kultur durch Ignoranz vorsätzlich schwerstmöglich gestalten oder ihm mit Verständnis und kulturellem Feingefühl entgegen gehen. Eine Zuordnung, die jeder für sich persönlich vornehmen muss.
o.Univ. Prof. Dr. Max H. Friedrich
Vorst. d. Univ. Klin. f Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters , 1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20
Tel.: +43 1 40400 3012
Fax: +43 1 40400 2793
Email: pkj@meduniwien.ac.at
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Klinische Arbeit angesichts der Globalisierung
Heute stehen wir vor dem Ergebnis einer Entwicklung, die eigentlich in den 70er-Jahren mit der Zuwanderung türkischstämmiger Menschen begann. Bemerkenswert waren allerdings erst die Zuwanderungswellen an Beginn und Ende der 90er-Jahre im Zusammenhang mit dem Balkankrieg. Heute spielen vor allem PatientInnen aus der ehemaligen Sowjetunion (Aserbeidschan, Georgien), dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch aus afrikanischen Krisengebieten eine Rolle. Insgesamt ist die Zahl „transkultureller“ PatientInnen während der letzten Jahrzehnte deutlich angestiegen.
Hinsichtlich des Hintergrundes psychischer Probleme kann man unterteilen in das große Gebiet der Traumatisierung beginnend mit der Verfolgung im Ursprungsland, oft schwierigen Fluchtwegen bis hin zur oft wenig freundlichen Aufnahme im Zielland. Das entspricht im Wesentlichen einer Mehrfach-Traumatisierung mit dem Ergebnis, dass in diesem Zusammenhang posttraumatische Belastungsstörungen eine wichtige Rolle spielen kombiniert mit Selbstwertproblemen. Der zweite Ursachenkomplex ist kultureller Natur. Die erste Generation der Zuwanderer fühlt sich den häufig völlig anderen Traditionen des Ursprungslandes meist noch verpflichtet. Erst deren Nachfolgegeneration fühlt die Spannung zwischen den Kulturkreisen im vollen Ausmaß. Das führt vor allem bei Jugendlichen zu innerfamiliären Konflikten, wenn sie Elemente der Gastlandkultur annehmen oder etwa die „alten“ Geschlechterrollen in Frage stellen. Zu dieser Neudefinition kommt eine enorme Identitätsunsicherheit. „Identitätsprobleme“ sind ein zentrales Element der Schizophrenie und so finden wir bei der Kindergeneration dieses Erkrankungsbild 3mal häufiger als bei der eigentlichen Zuwanderergeneration.
Die Kurzformel könnte daher lauten: „Migration und Entwurzelung machen krank.“
Viele dieser Betroffenen – insbesondere bei depressiven Zustandsbildern – kommen primär allerdings zu den AllgemeinmedizinerInnen und InternistInnen, da das Leitsymptom oft körperlicher Natur ist wie Kopfschmerz, Magenprobleme oder wandernde Schmerzen. Diese „Somatisierung“ findet statt, weil es kulturell „zumutbar“ ist, Schmerzen zu haben, nicht aber psychisch Probleme. Daher sollte man sich zur Kultur des Herkunftslandes informieren. Ein besonders drastisches Beispiel ist die depressive Erkrankung eines afrikanischen Kindes, die auf eine Art Verzauberung durch die in Afrika lebende ungeliebte Großmutter zurückgeführt wurde. Die Antwort darauf sind Exorzismus ähnliche Rituale, um die Verzauberung aufzuheben. Hier das westliche Konzept einer psychischen Störung des Betroffenen zu implementieren, ist denkbar schwer. Erschwerend kommt hinzu, dass die „afrikanische“ Manifestation psychotischer Depressionen auch noch schizophrenieähnlich ist und hier leicht Fehldiagnosen passieren können.
Nicht selten findet auch eine ursprünglich traditionelle Parallelbehandlung statt, wenn etwas türkische PatientInnen nicht nur zum Arzt, sondern auch zu ihrem Hodscha gehen, dessen Therapie sich auf Amulette und Koranverse stützt.
Derlei Details sollten immer bedacht werden und die Familie sollte daher eng einbezogen werden. In diesem Sinne wird es jeden Tag wichtiger, auf Seiten der BehandlerInnen aller medizinischen Fächer das Wissen um wesentliche kulturelle Andersartigkeiten zu fördern und auch einzufordern, wenn PatientInnen aus anderen Kulturen behandelt werden.
Univ. Prof. Dr. Thomas Stompe, FA für Psychiatrie
Univ. Klin. f Psychiatrie , 1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20
Tel.: 01 - 40400 - 3568
Fax: 01 - 40400 – 3099
Email: thomas.stompe@meduniwien.ac.at
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