23.10.2008,
"TRAUMA EINST - TRAUMA HEUTE"
Presse-Matinee anlässlich des Gedenkjahres 1938 - 2008
Zentrum ESRA (www.esra.at),

„ESRA & Trauma“
Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
„Das Erbe des Traumas“
Ärztlicher Leiter von ESRA
„Traumafolge Depression“
Vorst. d. Univ.-Klin. f. Psychiatrie, Graz
Vorst. Department für Psychosomatik KH-Enns
Ärztl. Dir. d. Landesnervenklinik Hall

ESRA & TRAUMA“
Zunächst darf ich sie im Namen der „Israelitischen Kultusgemeinde Wien“ zu dieser Veranstaltung herzlich begrüßen und für Ihre Teilnahme danken. Mein Dank gilt auch jenen Unternehmen, die diese Veranstaltung unterstützen. Nicht zuletzt aber jenen Spitzenmedizinern, die an diesen besonderen Ort gekommen sind, um das Thema „Trauma“ zu behandeln.Warum findet diese Veranstaltung im psychosozialen Zentrum ESRA statt? Der Begriff ESRA kommt ursprünglich aus dem Hebräischen und bedeutet „Hilfe“. Dieser Wortbedeutung wird ESRA in besonderer Weise gerecht. Seit 1994 werden hier Überlebende des NS-Terrors (sowohl mosaischen als auch nicht-mosaischen Bekenntnisses) und deren Nachkommen sowie in gewissem Maß auch durch andere Ereignisse traumatisierte Menschen betreut. ESRA war beispielhafter Vorreiter in der Arbeit mit schwerst traumatisierten Menschen und gilt heute als Zentrum höchster und international gefragter TRAUMA-Kompetenz.
Es lässt sich aber auch ein geografisch-historischer „Trauma-Bezug“ zu ESRA herstellen. Heute ist nur mehr dem Gassennamen zu entnehmen, dass genau an jener Adresse, an der sich heute ESRA befindet, bis zur den Brandschatzungen des November-Progroms 1938 ein Tempel befunden hat, der den Flammen zum Opfer fiel.
So entstand als Antwort auf die Gewalt hier ein Ort der Hilfe, der Behandlung, der Heilung oder - wie beispielsweise heute – ein Ort der Begegnung und der Wissensverbreitung. Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, hier allen MitarbeiterInnen von ESRA für ihren großen Einsatz zu danken und wünsche der Veranstaltung gutes Gelingen.
Dr. Ariel Muzicant
Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
A-1010 Wien, Seitenstettengasse 4.
Tel. +43/1/53 104 -103/104, Mail: a.muzicant @ikg-wien.at
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„DAS ERBE DES TRAUMAS“
Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, dass Traumatisierungen wie sie von allen vom Nazi-Terror Betroffenen erlebt wurden, in vielen Fällen zu schwersten psychischen Schäden führten. Als die Medizin vor nicht allzu langer Zeit noch nichts über die Traumafolgen wusste, wurden diese Betroffenen allerdings häufig verlacht und als Hpyochonder hingestellt.
Damit allerdings nicht genug, denn heute steht in diesem Zusammenhang vermehrt die „Second Generation“ im Vordergrund – also die „ErbInnen des Traumas“. Und das ist vielfach nicht bekannt.
Die „Holocaust–Erbengeneration“ weist eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf: Das Thema kehrt ständig wieder - Viele sprechen nicht darüber – Was geschehen ist, trennt uns von den anderen – Man wird uns nie verstehen – Gesteigerte emotionale Verletzlichkeit – besonders starkes Verpflichtungsgefühl gegenüber den Eltern u.s.w.
Man spricht von transgenerationeller Traumatisierung, wenn in der 1. Generation das Trauma nicht verarbeitet wurde und daher eine Transmission in die nächste, ja übernächste Generation stattfindet. Ein wesentlicher Motor dieser Entwicklung ist die Weitergabe des „schuldhaften Überlebensgefühls“.
Eine der Folgen davon ist, dass die Kinder aus dieser Welt des Schweigens stellvertretend bis hin zur Identifizierung mit der Verfolgungsgeschichte ihrer Eltern Trauerarbeit leisten. Deshalb auch Schuldgefühle gegenüber den Eltern, die „so Schlimmes erleben“ mussten. Eine eigene Identität zu finden, wird für Menschen der Nachfolgegeneration(en) immer wieder eine schwere Aufgabe.
In Kontakt mit ESRA kommen diese „Trauma-Erben“ häufig wegen Paarproblemen und depressiven Verstimmungen. Doch oft stellen sich Schuldgefühle ein, den Therapieplatz jemand anderem „wegzunehmen“. Es sich selbst „gut“ gehen zu lassen, wollen sich viele im Angedenken an das „Leid damals“ selbst nicht „erlauben“.
Wesentliche Schritte der Therapie sind hier das Erlauben und Abschließen der Trauerarbeit, die Loslösung vom Schicksal der Eltern, die Neu-Definition der eigenen Person im historischen und gegenwärtigen Kontext. Die Zustimmung zum Recht auf ein eigenes glückliches Leben.
Trotz vieler Studien und intensiver Bemühungen um die Betroffenen und deren Nachkommen wissen wir aber noch nicht, ob diese unglaubliche Traumatransmission nicht sogar bis in die Generation der Enkel weiter gehen wird.
Das scheint jedenfalls überall dort möglich, wo Kinder die Verhaltensmuster ihrer Eltern in der Nicht-Aufarbeitung kopieren und nicht erlernt haben, mit dem traumatischen Erbe unabhängig umzugehen.
Nicht zuletzt spielt eine Rolle, dass Historiker noch immer neue Details dieses Terror-Regimes aufdecken und damit auch potentielle Impulse einer Re-Traumatisierung gesetzt werden.
Prim. Dr. David Vyssoki
Ärztlicher Leiter des psychosozialen Zentrums ESRA
1020 Wien, Tempelgasse 5
Tel.: 01 - 214 9014, Email: d.vyssoki@esra.at
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„TRAUMA UND DEPRESSION“
Nach schwerwiegenden Traumatisierungen können zahlreiche psychische Störungen auftreten. Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) ist nur eine typische Reaktionsform. Depressive Störungen sind ebenfalls sehr häufige Folgen.Risikofaktoren, die nach einem Trauma eher zu psychologischen Gesundheitsproblemen führen, sind: weibliches Geschlecht, ethnische Minderheit, geringer sozioökonomischer Status, frühere Traumatisierungen, eigene oder familiäre Disposition zu psychischen Erkrankungen, geringe Überzeugung, Situationen unter Kontrolle bringen zu können.
Untersuchungen der Folgen von „9/11“ zeigten, dass 49% der betroffenen Bevölkerung gleichzeitig mit ihrer PTSD an einer Depression erkrankten. Im Zusammenhang mit PTSD tritt eine Depression sechsmal häufige auf als in der Normalbevölkerung.
Neurobiologisch kommt es infolge von traumatischem Stress zu komplexen Reaktionen in verschiedenen Hirnarealen wie Thalamus, Amygdala, Hippocampus, Temporallappen und präfrontalem Kortex. Mittels funktioneller Neuroimaging-Studien kann man dies auch „sichtbar“ machen. In zahlreichen Neurotransmittern (Noradrenalin, Serotonin, Dopamin, Glutamat, Endorphine/Opioide) können Dysfunktionen nachgewiesen werden, ebenso im Stress-Hormon-System und im autonomen Nervensystem.
Diese komplexen Veränderungen zeigen, dass es sich bei der Depression nach Traumatisierung um ein multifaktorielles Geschehen handelt. Symptomatisch stehen gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit sowie Antriebslosigkeit im Vordergrund kombiniert mit Konzentrationsmangel, vermindertem Selbstwertgefühl, Schuldgefühlen, Unruhe, Schlafstörungen, Appetitminderung oder Selbstschädigung. Auch Schuldgefühle oder die Überzeugung, „seelisch als Person vernichtet zu sein“, können imponieren.
Hinsichtlich der Pharmakotherapie steht eine Vielzahl von Möglichkeiten mit unterschiedlich nuancierten Angriffspunkten zur Verfügung:
SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) – Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin oder Sertralin.
SNRI (Serotonin & Noradrenalin-deraufnahmehemmer) – Venlafaxin ER, Milnacipran oder Duloxetin
Der Glutamat-Modulator Tianeptin, das Noradrenalin-und Serotonin-spezifische Antidepressivum Mirtazapin, der Noradrenalin-wiederaufnahme-Hemmer Reboxetin, der Serotonin-Antagonist und Wiederaufnahme-Hemmer Trazodon.
Atypischen Antipsychotika kann ebenfalls eine wichtige Bedeutung zu kommen, vor allem in Kombination mit einer antidepressiven Medikation.
Längst hat die Medikation aber keine Alleinstellung mehr und wird mit der Psychotherapie in ihren verschiedenen Spielarten (kognitive Verhaltenstherapie, interpersonelle Psychotherapie, psychodynamische Psychotherapie) unterstützt.
Prim. Univ. Prof. DDr. Hans-Peter Kapfhammer
Vorstand der Univ. Klin. f. Psychiatrie
8036 Graz, Auenbruggerplatz 22
Tel.: 0316 - 385 – 3612,
E-Mail: hans-peter.kapfhammer@klinikum-graz.at
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„DAMOKLESSCHWERT ANGST“
Die Angst im Rahmen einer PTSD zählt zu den reaktiven Störungen. Posttraumatische Belastungsstörung sind langanhaltende Reaktionen auf sehr schwere Belastungen und Bedrohungen, insbesondere Naturereignisse, Krieg und andere Katastrophensituationen, Misshandlung oder Vergewaltigung, aber auch „alltägliche“ Katastrophen wie Verkehrsunfälle. Ein wesentliches Charakteristikum des Erlebens ist hier die Hilflosigkeit. Relativ wenig belastbare Menschen sind besonders betroffen. Hinsichtlich der Angst als solcher dürfte es eine genetische Prädisposition von 7% der Bevölkerung geben. Weiters spielen verschiedene psychosoziale Faktoren wie beispielsweise ängstliche Eltern, Demütigung oder Überbehütung eine Wegbereiter-Rolle.Angst und emotionale Einengung ist in diesem Zusammenhang ein häufiges Symptom. Die angstbesetzte Situation kann lange in der Erinnerung bleiben (Wiederinszenierung, flashback) und in Träumen auftauchen. Daraus resultiert eine zwanghafte Vermeidung (Situationen, Orte, Gerüche etc.) traumabezogener Stimuli. Im Vordergrund steht die Angst davor, dass sich das Erlebte wiederholt. Im Extremfall kann eine derartige Störung sehr lange oder auch zeitlebens bestehen, wie die Schicksale rassisch Verfolgter zeigen. Ein anderes Beispiel wären anhaltende Störungen nach sexuellem Missbrauch.
Als biologische Grundlage wird eine Disbalance der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin, GABA und Glutamat diskutiert. Daher steht auch die Therapie in engem Kontext mit diesen Transmittern.
Akut werden wegen der guten anxiolytischen Wirksamkeit allerdings häufig Benzodiazepine (Tranquilizer) eingesetzt, deren Einsatz wegen der Sucht- und Toleranzentwicklungsgefahr allerdings limitiert ist.
Die Langzeitmedikation kommt daher vorwiegend aus der Gruppe der Antidepressiva.
SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) – Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin oder Sertralin.
SNRI (Serotonin & Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) – Venlafaxin ER, Milnacipran oder Duloxetin
„Wiederentdeckt“ wurde die Substanz Trazodon (SARI-Serotonin-Antagonist & Wiederaufnahmehemmer). Speziell die Schlafparameter verbessert Mirtazapin (NaSSA-Noradrenerg, spezifisch serotonerges Antidepressivum). Eine interessante Alternative zu Benzodiazepinen stellt aufgrund der Nebenwirkungsarmut Buspiron dar (partieller 5HT1A-Agonist). Interessante Studienergebnisse gibt es zu Reboxetin (NARI-Noradrenalien Wiederaufnahme-Hemmer). Aufgrund des Wirkungsmechanismus (Serotonin-Wiederaufnahmeverstärkung) kann auch von Tianeptin eine signifikante Anxiolyse erwartet werden. Weitere Substanzgruppen, die zum Einsatz kommen können, sind Trizyklische Antidepressiva, Antipsychotika, Antikonvulsiva u.a.
Explizit hingewiesen werden muss bei den Angststörungen natürlich auf die mehrfach belegte Wirksamkeit der Psychotherapie in verschiedenen Ansätzen.
All diese Ausführungen beziehen sich auf die Behandlung Erwachsener, da Kinder besonderer Therapiemaßnahmen bedürfen.
O. Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Siegfried Kasper
Vorstand der Univ. Klin. f. Psychiatrie & Psychotherapie
AKH Wien,1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20
Tel.: 01 - 40400 – 3568, Email: sk@meduniwien.ac.at
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„SCHMERZ AN KÖRPER UND SEELE“
Jedes Trauma führt in unterschiedlichem Ausmaß zu einer Akutreaktion, die durchaus dem normalen Verhaltensmuster des Menschen entspricht. In diesem Ausnahmezustand sind die Betroffenen vermehrt schreckhaft, haben Schlafstörungen oder leiden unter wiederkehrenden Bildeindrücken u.a. All das ist ganz natürlich und normalisiert sich binnen weniger Monate. Therapie ist hier nicht nötig.
Ein Teil der Betroffenen kann sich – abhängig von der Schwere des Traumas - nicht wieder normalisieren und ab einer Leidens-Dauer von sechs Monaten sprechen wir von einer behandlungswürdigen posttraumatischen Störung.
Diese Unfähigkeit, das Trauma zu verkraften, ist nicht zuletzt genetisch bedingt. Bestimmte Nervenbahnen vor allem im limbischen System, die zur Trauma-Verarbeitung nötig sind, sind bei diesen Menschen weniger gut ausgeprägt, was eine erhöhte Vulnerabilität (Verletzlichkeit) verursacht. Verstärkend wirken können: geringer sozialer Halt, soziale Isolation, feindseliges Umfeld u.a.
Im Organismus führt ein traumatisches Ereignis (über die Hypophysen-Hypothalamus-Achse) zu einer extremen Cortisolausschüttung. Funktioniert der Feedbackmechanismus am Hypothalamus, normalisiert sich die Cortisolproduktion wieder. Cortisol kann aber – wenn exzessive Spiegel auftreten - über einen intrazellulären Rezeptor direkt an Nervenzellen binden und wirkt dort neurotoxisch. Die Folge ist Nervenschädigung bis zum Nervenzellschwund mit entsprechenden degenerativen Erscheinungen.
Diese Situation gleicht einem durchgetretenen Gaspedal, mit dem nicht mehr eingekuppelt wird und das den Motor ständig auf maximaler Drehzahl laufen lässt.
Dem entspricht eine Vielzahl körperlicher Symptome wie Blutdruck und Blutzuckeranstieg oder eben – über eine Störung der Prostaglandinsynthese – Schmerz. Das ist Ausdruck eine biologischen Schadens, der von selbst nicht mehr „gut“ wird.
Antidepressiva fördern nun „Schutzmoleküle“ wie den BDNF (Brain Derived Neurotrophic Factor), die Nervenwachstum, Ausbildung von Dendriten und neuer Bahnen stimulieren. Idente Ergebnisse – in beiden Fällen durch bildgebende Verfahren (zB PET-Scan) nachgewiesen – lassen sich durch Psychotherapie erzielen, die in diesem Fall „Traumatherapie“ heißt.
In der experimentellen Schmerztherapie etwa zeigen wir den Betroffenen gleichsam „online“ Bilder der geschädigten Region und sie versuchen mental dort die Regeneration positiv zu beeinflussen. - Mit dem Effekt, dass die Schmerzen unmittelbar nachlassen. Die analgetische Potenz dieser Effekte entspricht jenem von Opioiden! Aber auch andere Verfahren wie Hypnose, Suggestion oder Imagination kommen erfolgreich zu Einsatz.
Eine solche Traumatherapie wird bei Maximaltraumata von verschiedenen Disziplinen gemeinsam unter Anwendung unterschiedlichster Ansätze über 6-8 Wochen (150 Stunden) durchgeführt. Im Krankenhaus oder besser noch in der Tagesklinik. Leichtere Traumata wie nach Verkehrsunfall können ambulant und weniger lang behandelt werden.
Es benötigen 65% Betroffene von Maximaltraumata (sexueller Missbrauch und Kriegstrauma) eine derartige Behandlung, während dieser Prozentsatz bei Verkehrsunfällen maximal 11% beträgt.
Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Bach
Zentrum für Innere Medizin und Psychosomatik Enns, 4470 Enns, Bahnhofweg 7
Tel.: 050 554/68-0, Email: michael.bach@gespag.at
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„TRAUMA UND SUCHTERKRANKUNG“
Rund 25% der Menschen entwickeln nach einer traumatischen Erfahrung über Jahre eine Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). In der Regel spricht man davon, wenn eine auffällige Belastungs-Symptomatik länger anhält als 9 Monate. Die PTBS zeigt dabei eine klare Häufung von anderen Komorbiditäten etwa mit: Depressiver Stimmung, suizidalem Syndrom, Dissoziativen Störungen, Somatoformen Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder Angststörungen.
Die Mehrheit der Studien weist in die Richtung, dass die Schwere der Traumatisierung ein gewichtiger Prädiktor für die Komorbidität von PTBS und Substanzmissbrauch darstellt. Betroffene haben mehr schwere traumatische Erfahrungen gemacht als solche mit nur einer Diagnose. Frauen mit Erfahrungen von sexualisierter Gewalt und körperlicher Gewalt haben ein größeres Risiko für beide Diagnosen als Männer.
Zwischen beiden Krankheiten ist eine hohe Komorbidität gegeben. 12-34% der Suchtpatienten haben PTBS (bei Frauen 33-59%). 40-80% der Veteranen mit PTBS haben komorbide Abhängigkeitserkrankungen. Bei Frauen mit gewaltbezogener PTBS haben 25-39% Abhängigkeitsproblematiken.
Obwohl Substanzmissbrauch in der Bevölkerung im Schnitt bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen, zeigt sich in der Komorbidität von Sucht und PTBS ein umgekehrter Trend. Konkret beträgt die Lebenszeitprävalenz von Alkoholabhängigkeit und PTBS bei Männern 10,3% und bei Frauen: 26,2% - ist also mehr als doppelt so hoch. Frauen mit Komorbidität PTBS+Substanzmissbrauch berichten zu 97% von traumatischen Erfahrungen. Frauen ohne PTBS berichten davon nur zu 73%.
Warum erfolgt aber der Griff zur Droge? Im Vordergrund steht erfahrungsgemäß das Vermeidungsverhalten und der Versuch der Selbstmedikation als Flucht vor gefürchteten Emotionen, der Betäubung Trauma bezogener Erinnerungen, der Flucht vor aversiven körperlichen Zuständen, der Verstärkung positiver Emotionen, der Verbesserung des Schlafes, der Reduzierung von physischen Schmerzen oder dem Ausdrücken von Emotionen und Induktion von Gefühlen.
Patienten mit beiden Krankheiten werden als besonders schwer motivier- und behandelbar beschrieben. Man findet weiters negatives emotionales Verhalten seitens der Therapeuten sowie fragile Allianzen in der Therapie. PTBS verschlimmert die ersten Phasen des Entzuges und stellt somit eine zusätzliche Problematik in der Therapie dar.
Insgesamt stellt diese PatientInnenklientel aufgrund der komplexen Verwebung der Komorbiditäten eine besonders intensive Herausforderung in der Behandlung dar.
Dir. Prim. Univ. Prof. Dr. Harald Schubert,
Ärztl Leiter, Psychiatrisches Krankenhaus des Landes Tirol
6060 Hall in Tirol, Thurnfeldgasse 14
Tel.: +43 (0)5223-508-0
Mail: Harald.Schubert@tilak.at
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