PRESSEINFO – 06.02.2009 – no embargo
Schwerpunkt: Bakterielle Vaginose 2
„Alter Hut kostet Millionen!“
St. Pölten. (IMC, DrWAS) Der Kinderarzt Prim. Univ. Prof. Dr. Karl Zwiauer – er ist auch Mitglied der Mutter-Kind-Pass Kommission des obersten Sanitätsrates - leitet die Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum St. Pölten. Als Experte für Perinatologie hat er mit einer der Folgen unbehandelter Bakterieller Vaginosen zu tun – den Frühgeburten. 70% der Frühgeburten in Zahlen rd. 5.000 gehen auf das Konto der Bakteriellen Vaginose. 9% der jährlich rund 78.000 Geburten (Quelle: Statistik Austria) in Österreich sind Frühgeburten. Das sind rund 7.000 im Jahr. Davon etwa 800 Babys jünger als die 32. Schwangerschaftswoche, der Rest verteilt sich auf die 32. – 36. Woche. Der medizinische Aufwand ist enorm. Daher fordert Prof. Zwiauer wie viele seiner KollegInnen endlich das Routine-Screening in der Schwangerschaft. Zu teuer, meint das Ministerium, obwohl Millionen Euro Einsparungspotential vorliegen.
IMC: Das Thema Bakterielle Vaginose und Frühgeburt ist derzeit sehr populär. Warum ist das so?
Prof. Zwiauer: Grundsätzlich ist das medizinisch gesehen ein alter Hut. Die ersten Studien, die entsprechende Hinweise geben, sind bereits 20 Jahre alt. Dennoch wurden diese Erkenntnisse über mehr als 2 Jahrzehnte beharrlich ignoriert. Nicht zuletzt sind es neue Studien, wie etwa die intensiven Forschungen von Prof. Kiss an der Wiener Universitätsfrauenklinik, die frischen Wind in das Thema bringen. Und auch einige Präparate, für die nun sehr positive Studien vorliegen.“
IMC: Wissenschaftlich hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten hinsichtlich der Ursachenforschung für diese Frühgeburten doch Einiges getan. Und die Konsequenzen sind ausgeblieben?
Prof. Zwiauer: Im Gegensatz zu damals kennen wir heute eine Reihe von Mechanismen wie etwa Störungen an den Polkörperchen der Frucht oder auch Amnioninfektionen, die den Frühgeburten zugrunde liegen. Aber die Folgen gehen bis zur postpartalen Endometriose.
IMC: Womit kämpfen Sie als Pädiater konkret, wenn es zu Frühgeburten kommt.
Prof. Zwiauer: Nun, vor allem die Frühgeburten vor der 28. Schwangerschaftswoche haben mit 20% grundsätzlich einmal eine sehr hohe Sterblichkeit. Analog dazu haben Frühgeburten eine hohe Morbidität an unterschiedlichsten Störungen.
IMC: Welche im Besondern sind das?
Prof. Zwiauer: So gut wie alle lebenswichtigen Organe sind unreif. Das betrifft Lunge, Niere, Darm, aber auch das Zentralnervensystem, das Gehirn. Es besteht erhöhtes Blutungsrisiko und Entwicklungsstörungen sind häufig.
IMC: Das klingt nach Brutkästen und Babys, die an zahllose Kabel angeschlossen sind. Und hohen Behandlungskosten. Wie hoch sind die eigentlich im Falle einer Frühgeburt?
Prof. Zwiauer: Die Behandlungskosten für eine Frühgeburt sind in der Tat enorm. Schätzungen entsprechend liegen sie für Frühgeborene vor der 32. SS Woche bei 30 Millionen Euro, bei Frühgeborenen zwischen der 32. Und 36. Woche bei ca. 40 Millionen Euro. Hinzu kommen noch Kosten für Tokolyse von etwa 10 Millionen Euro pro Jahr. Etwaige Langzeitkosten durch ggf. lebenslange Dauerbetreuung bei Entwicklungsschäden nicht eingeschlossen.
IMC: Ist das nicht geradezu absurd, wenn man bedenkt, dass sich eine Bakterielle Vaginose mit einem einfachen Abstrich diagnostizieren und einer relativ kostengünstigen Therapie wie etwa ein Milchsäure-Gel oder Döderlein-Bakterien behandeln lässt?
Prof. Zwiauer: Sie sagen es, denn hier kommt millionenschwere Super-High-Tech-Intensivmedizin zum Einsatz. Gott sei Dank haben wir die, um den Frühgeborenen zu helfen, aber noch viel besser wäre es, wir könnten diese Frühgeburten reduzieren. Mit der Einsparungen einer einzigen verhinderten Frühgeburt ließen sich 1.000e Screeningtests an Schwangeren finanzieren. Es wäre kostengünstig und einfach. Dennoch ist die Gesundheitspolitik – oder konkreter gesagt, bestimmt Instanz en der Gesundheitsverwaltung – noch nicht davon zu überzeugen gewesen.
IMC: Das heißt aber im Klartext, wenn die Politik statt kostengünstiger Diagnose und Therapie lieber Tausende Frühgeburten mit allen Folgen in Kauf nimmt, dann müssen sich die Schwangeren nolens volens selbst um diese Vorsorge bemühen. Würden Sie dazu raten.
Prof. Zwiauer: Ja, unbedingt, und so gut wie alle GynäkologInnen wissen bestens Bescheid!
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